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Woche 2 — Auswahl: Tempo oder Entscheidung?

Neue Heimat, Neue Geschichten ist ein Fotoworkshop-Projekt mit jungen Menschen zwischen 18 und 22 Jahren, die in Berlin leben. Die Teilnehmenden nutzen Fotografie nicht als technisches Werkzeug, sondern als Sprache — um ihre eigenen Geschichten zu entdecken, sichtbar zu machen und zu rahmen. Das Projekt endet nach einem dreimonatigen Workshop-Prozess mit einer Ausstellung.


Dieser Kreativkurs:


Wann: Jeden Dienstag

Wo: Zweiter Bildungsweg Neukölln / Tannenhof-Schule

Zeit: 11:45 bis 13:15 Uhr.


ATMOSPHÄRE UND EINSTIEG

In der zweiten Woche kannte die Gruppe sich ein wenig besser. Die Frage nach dem 'nicht geteilten Foto' aus der ersten Stunde hing noch im Raum — einige Teilnehmende sagten, sie hätten danach noch darüber nachgedacht. Diese Woche sollte diese Frage um eine Ebene vertiefen: Was bedeutet es, auszuwählen?

An die Tafel wurde ein einziges Wort geschrieben: AUSWAHL. Eine Weile lang wurde nichts gesagt. Dann:

"Letzte Woche haben wir im selben Raum verschiedene Dinge gesehen. Und wir haben uns Fotos angeschaut, die ihr nicht geteilt habt. Was könnte das Gemeinsame dieser beiden Dinge sein?"

Ein paar Antworten kamen. 'Blick', sagten sie, 'Unterschied'. Die Lenkung folgte: 'Ich glaube, das Gemeinsame ist die Auswahl.' Der Raum ließ das sacken.

 

ÜBUNGEN

Die erste Übung baute auf Tempo: Wählt etwas im Raum aus, schaut 5 Sekunden hin, fotografiert. Kommt zurück und schaut 1 Minute lang schweigend auf das Foto. Dann: 'Wie lange hat diese Entscheidung gedauert? Wart ihr in dem Moment sicher?'


Die zweite Übung wiederholte dieselbe Aufgabe in einem völlig anderen Tempo: 2 Minuten nur schauen, das Handy nicht heben, mindestens 5 Details finden, 10 Sekunden die Augen schließen, dann fotografieren. Die Zeit wurde wirklich eingehalten. Der Raum verlangsamte sich. Diese Langsamkeit war genauso wichtig wie die Übung selbst.


Als die beiden Fotos nebeneinanderlagen, lautete die Frage: 'Welches erzählt mehr?' Die Diskussion begann hier. Tempo oder Entscheidung?


Der stärkste Moment war die Lösch-Übung. 'Löscht eines dieser beiden Fotos', wurde gesagt — und der Raum erstarrte. Niemand bewegte sich sofort. Diese Pause war beabsichtigt — Löschen ist ein Verlust, und es war wichtig, das Gewicht dieses Verlusts zu spüren. Dann wurde ein Satz fallen gelassen:

"Ein Foto zu löschen kann lehrreicher sein als es aufzunehmen."

In der zweiten Hälfte der Sitzung kehrten die Teilnehmenden zu ihrem eigenen Handyarchiv zurück. Sie schauten sich die letzten 20 Fotos an. Welches wurde am schnellsten aufgenommen, welches am meisten durchdacht? Dann wurden sie gebeten, 3 Fotos zu löschen — diesmal nicht reflexartig, sondern mit einer bewussten Entscheidung.

 

REAKTIONEN DER TEILNEHMENDEN

Die Lösch-Übung hatte eine unerwartete Wirkung. Einige lachten — nicht aus Hilflosigkeit, sondern weil sie die Absurdität der Situation erkannten. 'Warum ist das so schwer?' fragte jemand. 'Warum gefällt mir das schnell aufgenommene Foto besser?' fragte jemand anderes.


Diese Fragen zeigten, dass die Übung funktionierte: Die Teilnehmenden untersuchten ihre Fotogewohnheiten zum ersten Mal so genau. Keine technische, sondern eine psychologische Untersuchung.

 

VERBINDUNG ZUM PROJEKT

Das Konzept der Auswahl steht im Mittelpunkt dieses Projekts: Welche Geschichte möchte ich erzählen, welche verberge ich, auf welche verzichte ich? Diese Woche ließ dieses Konzept nicht als abstrakte Idee, sondern als greifbare Erfahrung erleben.


Ein Großteil der Teilnehmenden hat Migrationserfahrung und versucht, sich in einer neuen Stadt einen Platz zu schaffen. 'Auswählen' ist für sie kein abstraktes Konzept — sie wählen jeden Tag, was sie zeigen, was sie verbergen, wo sie sichtbar sein wollen. Die Fotografie wurde zum kleinen Spiegel dieser Auswahl.


Kursleiter: Burak Babayiğit (Fotokünstler & Regisseur)

Gefördert von: Marjan Miklus-Stiftung

In Kooperation mit: Cambio Film Works

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