Woche 1 — Der Unterschied im Blick
- Tanz der Kulturen Berlin e.V.

- vor 10 Stunden
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Neue Heimat, Neue Geschichten ist ein Fotoworkshop-Projekt mit jungen Menschen zwischen 18 und 22 Jahren, die in Berlin leben. Die Teilnehmenden nutzen Fotografie nicht als technisches Werkzeug, sondern als Sprache — um ihre eigenen Geschichten zu entdecken, sichtbar zu machen und zu rahmen. Das Projekt endet nach einem dreimonatigen Workshop-Prozess mit einer Ausstellung.
Dieser Kreativkurs:
Wann: Jeden Dienstag
Wo: Zweiter Bildungsweg Neukölln / Tannenhof-Schule
Zeit: 11:45 bis 13:15 Uhr.
ATMOSPHÄRE UND EINSTIEG
Die erste Stunde beginnt immer mit Unsicherheit. Die Teilnehmenden kennen sich nicht, kennen die Kursleiterin oder den Kursleiter nicht, wissen nicht, wohin der Kurs führt. Anstatt diese Unsicherheit mit einer klassischen Vorstellungsrunde aufzulösen, wurde ein anderer Weg gewählt: der direkte Einstieg über Fotografie.
Der Raum war ruhig, aber neugierig. Ein erster Satz brach die Erwartung:
"Das hier ist kein klassischer Fotokurs. Aber wir werden unsere Handys benutzen. Und ihr werdet wahrscheinlich anfangen, manche Dinge anders zu sehen."
Die Teilnehmenden sind 18 bis 22 Jahre alt und besuchen in Berlin den Zweiten Bildungsweg (Zweiter Bildungsweg Neukölln / Tannenhof-Schule). Einige von ihnen sind als Geflüchtete nach Deutschland gekommen, andere sind aus verschiedenen Gründen aus dem regulären Bildungssystem herausgefallen. Was sie verbindet: ein Neuanfang.
ÜBUNGEN
Die erste Übung begann mit einer unerwarteten Frage: 'Sucht in euren Handys ein Foto aus den letzten drei Monaten, das ihr nicht auf Instagram gepostet habt.' Zeigen war keine Pflicht. Nur suchen.
Im Raum entstand eine seltsame Stille. Alle griffen zum Handy, scrollten, hielten inne. Manche lachten. Manche schauten lange auf den Bildschirm. Vier Personen zeigten ihr Foto freiwillig. Jeder von ihnen wurde dieselbe Frage gestellt:
"Warum hast du es nicht geteilt?"
"Gehört dieses Foto wirklich dir?"
Die Antworten waren vielfältig: 'zu persönlich', 'nicht schön genug', 'schwer zu erklären', 'nur für mich.' Sie wurden an die Tafel geschrieben, ohne Kommentar. Die sich ansammelnden Wörter sagten bereits etwas aus.
In der zweiten Übung gab es eine kurze Fotoaufgabe im Raum: Jede Person fotografierte etwas, das ihre Aufmerksamkeit auf sich zog — mit der Bedingung, dass niemand dasselbe wählen durfte. Nach fünf Minuten lagen die Fotos nebeneinander. Aufgenommen im selben Raum, zur selben Zeit — und doch völlig unterschiedliche Bilder. Das zentrale Thema der Stunde war damit fast ohne Worte auf den Punkt gebracht: Jeder Blick ist anders.
Die Sitzung endete mit einer ungewöhnlichen Vorstellungsrunde: Alle vervollständigten den Satz 'Ich bin jetzt in Berlin, weil…'. Ein kurzes, aber kraftvolles Format, jeder Satz war sowohl der Beginn einer Geschichte als auch ein Werkzeug, um den Ton der Gruppe zu lesen.
REAKTIONEN DER TEILNEHMENDEN
Die Gruppe war anfangs zurückhaltend. Die Frage nach dem 'nicht geteilten Foto' wirkte zunächst seltsam. Aber die Idee dahinter wurde schnell verstanden. Eine teilnehmende Person sagte: 'Ich habe noch nie darüber nachgedacht, warum diese Fotos verborgen geblieben sind.' Dieser Satz ließ spüren, dass sich im Raum etwas geöffnet hatte.
Bei der Schnellübung veränderte sich die Energie deutlich. Als die Fotos nebeneinanderlagen, lachten und staunten alle. 'Du hast das fotografiert?' wurde immer wieder gefragt. Das war der Moment, in dem die Gruppe zum ersten Mal wirklich aufeinander blickte.
VERBINDUNG ZUM PROJEKT
Neue Heimat, Neue Geschichten. Der Name des Projekts verweist bereits auf eine zweischichtige Wirklichkeit: die sichtbare Geschichte und die nicht geteilte Geschichte. Man lebt in einer Stadt — aber gehört diese Stadt einem? Man macht ein Foto — aber entscheidet sich, es zu verbergen.
Die erste Woche stellte diese Fragen nicht direkt. Aber sie bereitete den Boden. Die Frage nach dem 'nicht geteilten Foto' war im Grunde diese: Welche Geschichte macht ihr nicht sichtbar? Das war das erste Echo der zentralen Frage, um die sich das Projekt drei Monate lang drehen wird.
Kursleiter: Burak Babayiğit (Fotokünstler & Regisseur)
Gefördert von: Marjan Miklus-Stiftung
In Kooperation mit: Cambio Film Works


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