Tag 5 - Auch Wut ist ein Tanz
- Tanz der Kulturen Berlin e.V.

- vor 9 Stunden
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Über das Projekt
Diese Beitragsreihe dokumentiert das Projekt „Licht im Rhythmus – Tanztherapie-Workshop für sehbehinderte Menschen", dessen Trägerin Tanz der Kulturen Berlin e.V. ist. Das Projekt wurde mit Unterstützung der Marjan-Miklus-Stiftung sowie in Zusammenarbeit mit dem Verein Herkes için Turizm (Tourismus für alle) und der Stadtverwaltung İzmir realisiert. Die Tanztherapie-Einheiten wurden von Tanztherapist Mehmet Ballıkaya geleitet. Künstlerische Projektleitung und Dokumentation: Burak Babayiğit.

Der fünfte Tag war die innerlichste Einheit des Workshops: Arbeit zum emotionalen Ausdruck. Das Thema war abstrakt, aber die Methode sehr konkret — keine Worte, keine Erklärungen, nur der Körper.
Mehmet Ballıkaya begann die Einheit so: „Heute werden wir nicht über unsere Gefühle sprechen. Unser Körper spricht. Ich nenne ein Gefühl, und ihr zeigt es mit dem Körper. Wenn ihr nicht wisst, wie — auch Nichtwissen ist eine Antwort."
„Freude." Das war der erste Ruf. Die meisten Teilnehmenden lächelten sofort — aber es war kein Gestus, sondern ein Reflex. Gleich darauf kamen Bewegungen: Jemand sprang, jemand öffnete die Arme, jemand drehte sich auf der Stelle. Die Körpersprache der Freude war für jeden anders.
„Angst." Der Raum verstummte. Die Bewegungen wurden kleiner. Eine Teilnehmerin zog die Schultern nach innen. Jemand stand still — auch das Erstarren ist eine Körpersprache. Jemand bedeckte das Gesicht mit der Hand. Dieser Moment war sowohl Tanztherapie als auch ein gemeinsames Eingeständnis: Angst mit dem Körper auszudrücken bedeutet, sie anzuerkennen.
„Wut." Und hier geschah etwas Unerwartetes. Eine Teilnehmerin — ruhig, still, bislang zurückhaltend — stand auf. Sie stampfte mit den Füßen auf den Boden, schleuderte die Arme nach vorne, warf den Kopf zurück. Eine vollständige, kraftvolle, entschlossene Bewegung. Das Studio wurde kleiner, sie wurde größer.
Mehmet Ballıkaya unterbrach diesen Moment nicht. Er wartete. Auch die anderen Teilnehmenden warteten. Dann wandte er sich langsam an sie und sagte: „Danke." Nichts weiter. Diese zwei Worte reichten.
Im abschließenden Feedback-Kreis sagte eine Teilnehmerin: „Meine Wut habe ich noch nie so rausgelassen. Aber hat es sich schlecht angefühlt? Nein. Ich fühle mich leichter." Das war der schlichteste Ausdruck der Wirkung, die Tanztherapie auf die Emotionsregulation haben kann.
Emotionale Ausdrucksarbeit eröffnet für sehbehinderte Menschen einen besonders wertvollen Raum. Im Alltag wird Gefühlsausdruck stark über visuelle Hinweise vermittelt — Mimik, Gestik, Blickkontakt. Wenn diese Kanäle eingeschränkt sind, muss der übrige Körper einspringen, und die Tanztherapie unterstützt genau das: dass der gesamte Körper Raum für alle Gefühle sein darf.
Morgen: Gemeinsam bewegen, Vertrauen und Führung




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