Tag 4 - Der Körper wird zur Natur
- Tanz der Kulturen Berlin e.V.

- vor 9 Stunden
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Über das Projekt
Diese Beitragsreihe dokumentiert das Projekt „Licht im Rhythmus – Tanztherapie-Workshop für sehbehinderte Menschen", dessen Trägerin Tanz der Kulturen Berlin e.V. ist. Das Projekt wurde mit Unterstützung der Marjan-Miklus-Stiftung sowie in Zusammenarbeit mit dem Verein Herkes için Turizm (Tourismus für alle) und der Stadtverwaltung İzmir realisiert. Die Tanztherapie-Einheiten wurden von Tanztherapist Mehmet Ballıkaya geleitet. Künstlerische Projektleitung und Dokumentation: Burak Babayiğit.

Am vierten Tag begann die thematische Arbeit des Workshops. Im Projektkonzept von Tanz der Kulturen Berlin e.V. sind drei Hauptthemen festgelegt: Natur, Mensch und Tier. Jedes dieser Themen erschließt eine andere Dimension von Körperbewusstsein und Ausdruck. Das erste Thema war die Natur.
Mehmet Ballıkaya eröffnete die Einheit mit einer Hörübung. Die Teilnehmenden schlossen die Augen — oder hatten sie ohnehin geschlossen — und eine Tonaufnahme wurde abgespielt: Blätterrauschen, fließendes Wasser, ein ferner Wind. Sie hörten schweigend zu. Die Frage „Was fühlt ihr bei diesen Klängen?" wurde gestellt. Die Antworten kamen nicht mit Worten, sondern mit dem Körper: Jemand ließ die Schultern fallen, jemand neigte den Kopf nach vorne, jemand atmete tief ein.
Dann folgte Mehmet Ballıkayas Anweisung: „Jetzt seid ihr der Wind." Keine Regeln. Was immer der Wind weiß, wie er sich anfühlt — der Körper soll es tun. Im Raum entstanden zwölf verschiedene Winde. Eine Teilnehmerin breitete die Arme aus und drehte sich — langsam, im Uhrzeigersinn. Eine andere stand nahezu reglos, aber ihre Fingerspitzen zitterten. Wieder eine andere glitt mit Füßen, die den Boden kaum verließen, als wäre auch der Boden ein Teil des Windes.
Mit dem Ruf „Wasser" sank das Tempo. Wasser ist schwerer und geduldiger als Wind. Die Bewegungen der Teilnehmenden verlangsamten sich, wurden aber tiefer. Jemand setzte sich auf den Boden und zeichnete Wellen mit den Händen. Jemand beugte sich langsam vor und richtete sich wieder auf — wie die Gezeit.
Beim Ruf „Wald" geschah etwas Interessantes: Niemand bewegte sich sofort. Wald ist nicht wie Wind oder Wasser, keine einzelne Bewegung — er ist komplexer, vielschichtiger. Eine Teilnehmerin stand auf und blieb still stehen — wie ein Baum. Die anderen bewegten sich um sie herum, ohne sie zu berühren. Eine spontane Choreografie war entstanden.
Dieser Tag zeigte, warum thematische Arbeit in der Tanztherapie so wirkungsvoll ist. Ein Thema betritt das Gehirn nicht als abstraktes Konzept — der Körper interpretiert, filtert und verwandelt es direkt. Für sehbehinderte Teilnehmende war das besonders bedeutsam: Sie hatten die Natur zuvor mit anderen Sinnen kennengelernt, und der Körper übersetzte diese Vertrautheit in die Sprache der Bewegung.
Den ganzen Tag über wurde viel gelacht. Der Tanz war manchmal sehr ernst, manchmal sehr heiter — beides war richtig, und Mehmet Ballıkaya gab beidem gleich viel Raum.
Morgen: Das Thema Mensch und emotionaler Ausdruck.




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