Tag 2 - Was weiß der Körper?
- Tanz der Kulturen Berlin e.V.

- vor 9 Stunden
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Über das Projekt
Diese Beitragsreihe dokumentiert das Projekt „Licht im Rhythmus – Tanztherapie-Workshop für sehbehinderte Menschen", dessen Trägerin Tanz der Kulturen Berlin e.V. ist. Das Projekt wurde mit Unterstützung der Marjan-Miklus-Stiftung sowie in Zusammenarbeit mit dem Verein Herkes için Turizm (Tourismus für alle) und der Stadtverwaltung İzmir realisiert. Die Tanztherapie-Einheiten wurden von Tanztherapist Mehmet Ballıkaya geleitet. Künstlerische Projektleitung und Dokumentation: Burak Babayiğit.
Am zweiten Tag betraten die Teilnehmenden das Studio deutlich entspannter als am Vortag. Die Klänge waren vertraut — wer wo steht, wie wer geht. Diese kleine Vertrautheit trägt in der Tanztherapie große Bedeutung. Der Körper erinnert sich nicht an das Gesagte, sondern an das Gefühlte.
Mehmet Ballıkaya eröffnete diese Einheit mit Atemübungen. Die Teilnehmenden legten sich auf den Rücken oder setzten sich — jede Person nach eigenem Ermessen. „Atmet ein, aber verfolgt diesmal, wohin der Atem geht", sagte er. In die Brust? In den Bauch? Reicht er bis zur Schulter? Diese Art von Körperwahrnehmungsübung ist die Grundlage des somatischen Ansatzes in der Tanztherapie: Erst wahrnehmen, dass der Körper da ist — dann bewegen.
Bei den Körperhaltungsübungen entstand eine interessante Dynamik. Den Teilnehmenden wurde gesagt: „Steht auf und fühlt euch in eurer größten Ausdehnung." Zunächst zögerten viele — jemand neigte sich leicht nach vorne, jemand hob die Schultern. Mehmet Ballıkaya trat einzeln heran, richtete die Schultern sanft aus, wies den Kopf leicht nach oben. Körperlicher Kontakt ist hier nicht nur Korrektur — er ist Wissensübertragung. Was Hände erzählen, können Worte nicht ausdrücken.
Die Bewegungsspiele mit taktilen Objekten waren der lebendigste Teil der Einheit. Den Teilnehmenden wurden weiche Bälle und Stoffstücke unterschiedlicher Texturen ausgeteilt. „Erfindet eine Bewegung mit diesem Objekt" — ohne Einschränkung, ohne Richtig oder Falsch. Eine Teilnehmerin drehte den Ball langsam zwischen ihren Händen, als würde sie ihm eine Form geben. Eine andere hielt den Stoff mit beiden Händen und ließ ihn in der Luft wogen. Wieder eine andere hob den Ball vom Boden, hielt ihn hoch, ließ ihn fallen — und wiederholte diese Bewegung immer wieder, jedes Mal etwas schneller.
Diese Art freier Objektarbeit ist für sehbehinderte Menschen besonders wertvoll. Ohne visuellen Bezug erlaubt das Objekt den Händen das „Sehen". Gewicht, Textur, Wärme, Widerstand — das sind Informationskanäle. Die Tanztherapie übersetzt diese Kanäle in die Sprache der Bewegung.
Am Ende des Tages sagte eine Teilnehmerin: „Heute war ich sehr müde, aber es war eine gute Müdigkeit. Ich habe viel über meinen Körper nachgedacht." Dieser Satz fasste den Kern der Einheit zusammen. Körperbewusstsein ist keine Leistung — es ist eine Hörpraxis.

Morgen: Rhythmus zeigt den Weg. Perkussion, Schritte und Orientierung durch Klang.




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